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Cartographica Helvetica


Zusammenfassung

Claudius Sieber-Lehmann:

Albrecht von Bonstettens geographische Darstellung der Schweiz von 1479

Cartographica Helvetica 16 (1997) 39–46

Zusammenfassung:

Die Karte, die Konrad Türst seiner in den Jahren 1495 bis 1497 enstandenen Beschreibung der Eidgenossenschaft beilegte, gilt als erstes kartographisches Abbild der Schweiz. Sie wurde mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln, nämlich mit dem von Ptolemaeus vorgeschlagenen Gradnetz erfasst.

Kaum bekannt ist aber, dass bereits zwanzig Jahre früher der Dekan von Einsiedeln, Albrecht von Bonstetten, eine Darstellung der Eidgenossenschaft entworfen hatte. Die vier Kartenskizzen werden hier erstmals farbig reproduziert. Bonstetten versuchte, mit Hilfe traditioneller Vorstellungen, geographischer Gegebenheiten und religiöser Legitimitation die Lage der Schweiz zu fixieren.

Die erste Zeichnung zeigt eine Darstellung des Himmelsgewölbes mit Atlas, auf dessen Herz, dem Zentrum der gesamten Welt, die Schweiz symbolisch zugeordnet ist. Die zweite Zeichnung zeigt eine mittelalterliche T-O-Karte mit den drei Kontinenten Asien, Afrika und Europa sowie Jerusalem als Zentrum der Christenheit. Auf der dritten Zeichnung bezieht sich die gleiche Unterteilung nun auf Europa mit Gallia, Alamania und Italia. Alpen, Limmat und Rhein umschliessen den Ort: Die Eidgenossenschaft wird zum Jerusalem Europas. Die letzte Zeichnung zeigt optisch die gleiche Aufteilung wie die erste: die Rigi (Regina montium), die Königin der Berge, bildet an Stelle des Herzens von Atlas das Zentrum, umgeben von den Acht Orten der Eidgenossenschaft.

Bonstettens rhetorische Begabung basiert auf einer kleinen List: Er arbeitet – um in der Sprache des Films zu sprechen – mit Überblendungen. Er verwendet klassische Motive wie das Atlas-Symbol und die T-O-Karten, um ein Land künstlich zu erschaffen und sozusagen ein neues «Heiliges Land» zu konstruieren, das mit Traditionen und religiösen Vorstellungen legitimiert wird. Die Schwierigkeiten bei der Erschaffung eines neuen territorialen Gebildes erforderten eine scharfsinnige und deutliche Ausdrucksweise. Deshalb können wir die Entstehung eines Landes in einer Laborsituation beobachten.


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